Wie man die Welt rettet – eine praktische Anleitung

Wie man die Welt rettet – eine praktische Anleitung

Warum sollte man überhaupt die Welt retten wollen? Ganz einfach: Insta-Followers! Hey, wir sind soziale Kreaturen, don’t judge. So sieht die Welt nun mal im 21. Jahrhundert aus, wo der Pöbel mehr über die Kardashians weiß als über Kafka, Kant und Kopernikus zusammen.

Im Grunde wollen wir doch alle einfach nur glücklich sein. Und Gym, Netflix & Chill reichen anscheinend nicht aus. Wir kommen langsam dahinter, dass der Glückskuchen ohne höhere Bedeutung fad schmeckt. Wir wollen also auch mit unserer Zeit etwas Bedeutungsvolles unternehmen – und was könnte mehr Bedeutung haben als die Welt zu retten? Aber wie rettet man denn nun die Welt? Hier die kurze Antwort:

 

  1. Zuerst rettest du dich selbst.
  2. Dann baust du Kompetenzen auf.

 

Klimawandel stoppen, Armut beseitigen, Bildung für alle zugänglich machen – ganz egal, wie deine Rette-die-Welt-Variante aussehen mag, diese zwei Grundprinzipien sind immer die gleichen.

 

Erst du, dann die Omi

Es ist wie im Flugzeug, wenn die Sauerstoffmasken runterfallen: Erst ziehst du deine eigene Maske an, dann kümmerst du dich um die schrumpelige Omi neben dir. Anders ausgedrückt: Wenn du übergewichtig bist, Beziehungsprobleme hast und selbst dein Hamster dich nicht ausstehen kann – vergiss erst mal die Welt und kümmere dich um dich selbst. Ich lehne mich mal aus dem Fenster: Die Welt zu retten ist ein klitzekleines bisschen schwieriger, als dein eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen.

 

Großes Schwert, große Kraft

Und wozu Kompetenzen? Ganz einfach: Weil du kompetent sein musst, um Probleme zu lösen. Und je kompetenter du bist, umso größere Probleme kannst du lösen. Ein Ritter, der nicht weiß, wie man kämpft, ist Kanonenfutter. Und noch mehr Kanonenfutter brauchen wir wirklich nicht.

Okay, angenommen dein Leben hast du halbwegs im Griff. Wie baust du nun die Kompetenzen auf, die notwendig sind, um die Welt zu retten? Du fängst mit dem nächstgrößeren Kreis an.

Meine vier besten Freunde, mit denen ich lange Zeit auf Bali gelebt habe, sind das ideale Beispiel. Ich habe sie gefragt, was sie am aller meisten erfüllen würde im Leben. Wie im 21. Jahrhundert zu erwarten, antwortete jeder von ihnen mit einer Variante des »Rette die Welt«–Motivs. Hier die Kurzfassung:

 

Markus, der Intellektuelle: Bildung ist für ihn das höchste Gut. Er würde gerne Bildung für alle Menschen zugänglich machen.

Alex, der Freediver und Lebemensch: Er liebt die Umwelt. Sein Traum ist es, die Meere von Plastik zu befreien.

Marius, großes Herz für Kinder: Peter Maffay hat ihn inspiriert, der auf Mallorca eine Ranch für traumatisierte Kinder gebaut hat. Er würde gerne was »in diese Richtung« machen.

Manu, der Rationale: Er würde gerne etwas Großes zurückgeben, hat aber keine Ahnung, was.

 

Okay. Und warum haben sie alle noch nicht angefangen?

Schließlich sind sie alle Anfang dreißig, stehen mitten im Leben und werden nicht von ihren eigenen Haustieren gehasst. Von allen kam sinngemäß die gleiche Antwort: »Wie soll ich das hinkriegen? Wo soll man da anfangen?«

Sie haben sich alle die ganz großen Probleme vorgenommen. Das heißt, sie haben zuerst den größten Kreis gezogen. Und nun leiden sie unter Analyse-Paralyse.

 

Man rettet die Welt, indem man Kompetenzen aufbaut. Und Kompetenzen baut man auf, indem man den nächstgrößeren Kreis zieht.

 

Aber was bedeutet das genau?

Was überhaupt der nächstgrößere Kreis ist, hängt natürlich davon ab, wo man gerade steht. Schauen wir uns noch mal meine vier Freunde an.

 

Markus – Bildung für alle

Bevor man Bildung für alle verfügbar macht, muss man zuerst lernen, wie man überhaupt Bildung für einige zur Verfügung stellt. Und mit welcher Art von Bildung sollte er anfangen?

Markus ist COO eines Online-Start-ups und eine echte Produktivitätsmaschine. Er versteht also was von Online-Marketing und Produktivität. Also wieso nicht darauf bauen und anfangen mit einem Kurs über Produktivität, den er anschließend online anbietet? Wenn er das gemeistert hat, dann könnte er andere dazu bewegen, weitere Kurse kostenlos auf seiner Plattform anzubieten. Und wenn das funktioniert, dann könnte er das Marketing ausbauen, neue Sprachen und Länder aufnehmen, Investoren überreden zu investieren. Und so weiter.

Das Wichtigste ist, dass er überhaupt anfängt und sich dadurch Kompetenzen aneignet. Und dann stetig immer größere Kreise zieht. Wie sollte man es prinzipiell anders angehen als so?

 

Alex – Meere säubern

Als Erstes gilt es, das Problem zu verstehen: Warum sind die Meere voller Plastik? Was kann man überhaupt dagegen tun? Welche Plastik-Alternativen gibt es?

Die Theorie könnte er sich privat aneignen. Zeitgleich könnte er sich einer geeigneten Organisation anschließen, um Erfahrung zu sammeln. Jedenfalls muss er damit beginnen, sich Wissen und Kompetenzen anzueignen, damit er überhaupt imstande ist, das Problem sinnvoll anzupacken.

Hat er erstmal das Problem – als auch die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten – umfänglich begriffen, könnte er versuchen, das Müllproblem auf der kleinen Insel Bali in den Griff zu bekommen. Und dann auf der Nachbarinsel. Dann Indonesien. Und dann in der gesamten Milchstraße. Auch hier gilt: klein anfangen.

 

Marius – Herz für Kinder

So was wie der alte Maffay. Also im Grunde etwas Cooles für benachteiligte Kinder.

Eigentlich ganz einfach: Sich entweder einer ähnlichen Organisation anschließen oder schauen, wer in der Nähe hilfebedürftig ist und womit er diesen Kindern helfen könnte.

Und sobald er das erstmal im kleinen Rahmen gemeistert hat, kann er den Rahmen stetig vergrößern, bis er genug Kompetenzen gesammelt hat, seine eigene Stiftung für benachteiligte Kinder zu gründen.

 

Manu – »Irgendwas Gutes«

Herz ja, Ideen nein. Wo fängt man da überhaupt an?

Der kleinste Kreis für Manu: sich Zeit nehmen. Er könnte damit anfangen, sich täglich darüber Gedanken zu machen, darüber zu schreiben, mit anderen darüber zu sprechen, sich in verschiedene Bereiche einzulesen, Psychedelika zu konsumieren und andere Entitäten befragen. Und so weiter.

Er muss den Ideen Raum und Zeit bieten, zu ihm zu dringen. Und früher oder später wird er auf etwas Authentisches stoßen. Und dann kann auch er anfangen Kreise zu ziehen.

 

Die Welt retten – oder auch nicht

Wir haben oft die Tendenz, gleich den größten Kreis zu ziehen – »Ich will Armut bekämpfen!« und anschließend wegen der gewaltigen Herausforderung zu erstarren. Und in dieser Schockstarre verbringen wir unser Leben, voller nobler Intentionen, ohne je den ersten Schritt zu machen.

Du muss zuerst mit dir selbst anfangen und die Schwierigkeiten in deinem eigenen Leben meistern. Dabei lernst du bereits eine Menge. Dabei baust du Kompetenzen auf.

Und wenn du das geschafft hast, dann suchst du dir ein Problem aus und versuchst es zu lösen, indem du die entsprechenden Kompetenzen aufbaust. Und dabei ziehst du immer den nächstgrößeren Kreis, bis du kompetent genug bist, die Probleme der Welt anzupacken.

Oder du hast in Wahrheit eigentlich gar keine Lust, die Welt zu retten? Vielleicht schreibst du dir die globalen Probleme nur deswegen auf die Fahnen, um von deinen eigenen unmittelbaren Problemen abzulenken. Schon mal darüber nachgedacht?

Wie die stark übergewichtige Person, die keine Gelegenheit auslässt, alle wissen zu lassen, dass sie Klimawandel bekämpft. Und dabei gerne übersieht, dass Diabetes sie viel eher töten wird als das Klima. Oder in Morton Blackwells Worten:

 

»Du kannst die Welt nicht retten, wenn du nicht mal deine Miete bezahlen kannst«

 

Wenn du zu dieser Kategorie gehörst und da auch nichts dran ändern willst, dann gilt natürlich das Gegenteil: weiter so! Zieh den größtmöglichen Kreis, such dir das allergrößte Problem aus.

Erzähl allen, dass du dem gesamten Leid der Menschheit ein Ende setzen möchtest, dass du den Kosmos vor Schwerkraft retten willst – da nimmt’s dir keiner Übel, dass du nicht weißt, wo und wie du anfangen sollst.

Aber wenn du die Anleitung zum Weltretten bis hierhin gelesen hast, dann meinst du’s hoffentlich ernst. Also zum letzten Mal:

 

  1. Rette dich zuerst selbst – bring dein eigenes Leben in Ordnung.
  2. Baue Kompetenzen auf – ein kleiner, feiner Kreis nach dem anderen.

One thought on “Wie man die Welt rettet – eine praktische Anleitung

  1. Hey Walli,
    klingt wie eine Philosophieprädigt die ich meinen Mitarbeitern gerne nach dem dritten Bier halte:) Klasse! Gute Rhetorik und nur ein kleiner Schreibfehler :p
    Inhaltlich stimme ich dir zu, wobei ich glaube, dass manchmal gerade im beruflichen Kontext, wo die Leute ohnehin im „KleinKlein“ unterwegs sind, es vielen gegenteilig zu deiner Philosophie, nicht gelingt mal nen großen Kreis zu ziehen…und Dinge Groß zu denken!
    Deine anderen Gedankennuggets gönne ich mir auch noch bei Gelegenheit;)

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