Vorurteile – Was mir ein schwuler Indonesier beigebracht hat

Vorurteile – Was mir ein schwuler Indonesier beigebracht hat

Wie viel Geld müsste man dir bieten, damit du mitten in der Nacht einen Schwulenporno anmachst, in einer Lautstärke, die die halbe Nachbarschaft weckt – und das im größten muslimischen Land der Welt? Mein Nachbar machte es kostenlos. Mehrmals. Bis ich explodierte. Und dann eine Lektion in Sozialpsychologie bekam.

Bali Vibes

Ich war damals 23, hatte im 6. Semester erfolgreich das BWL-Studium abgebrochen und war nach Bali ausgewandert um mein eigenes Ding zu machen. Ich wohnte zusammen mit zwei Australiern aus Sydney in einer Seitenstraße von Seminyak, direkt neben einem Jazz Club. 

Unsere WG war schäbig, sogar für arme, Möchtegern digitale Nomaden. Meine Dusche bot lauwarmes bis kaltes Wasser. Ein Kind, das dir auf den Kopf pisst – das trifft es besser als ›Dusche‹. Meine Toilette sah aus, als hätte sie Covid und Malaria gleichzeitig. Waschbecken? Dafür gab es die Dusche. Die Fenster waren größtenteils eher Löcher mit Moskitonetz. Hey, wenn ich ne‘ Luxuswohnung gewollt hätte, dann hätte ich zu Ende studiert!

Neben uns erlebte ich einige kuriose Gestalten. Da die Wohnungen dicht nebeneinanderlagen – und Moskitonetze nicht die beste Geräuschisolierung bieten – bekam man alles von den Nachbarn mit. Einer, mit dem ich mich anfreundete, Ketut, hatte die Gewohnheit plötzlich kitschige Lieder wie ›My Heart Will Go On‹ von Celine Dion mitten am Tag anzumachen. Ich sprach ihn auf seinen ungewöhnlichen Musikgeschmack für einen Indonesier an. Er erklärte, die Musik sei zum »Arbeiten«, andere sollten ihn »dabei« nicht hören. Da verstand ich, warum er immer wieder verschiedene Männer auf seinem Roller nach Hause brachte. ›My Heart Will Go On‹ hat er mir für immer versaut.

Grunzende Männer Schlummermusik 

Aber einer, den ich nie vergessen werde, hat Ketut fast prüde aussehen lassen. Es ging am späten Abend los: zwei grunzende Männer, in ohrenbetäubender Lautstärke, als hätte man direkt neben deinem Fenster eine Moschee gebaut. Aber nicht der Muezzin, der muslimische Aufruf zum Gebet, fing gerade an, nein, Männergestöhn, scheinbar ein Aufruf zu was ganz anderem. Und das in Indonesien, wo Millionen Muslime täglich Richtung Mekka beten – ernsthaft?

Wahrscheinlich todesbesoffen. Wer das war, wusste ich nicht, denn die Mieter wechselten häufig. Der Porno hörte nach rund einer Viertel Stunde auf. Allah sei Dank. Aber eine Stunde später der erneute Schock: Es ging von vorne los. Ekel und Verwirrung sind Gefühle, die ich kenne. Aber in dem Ausmaß und gleichzeitig – das hatte ich noch nie. 

Mir ist es Wumpe, was Leute in ihren eigenen vier Wänden machen oder schauen, aber bitte nicht in einer Lautstärke, in der ich meine eigene Stimme kaum noch hören kann.

Fast wäre ich direkt rübergestürmt, aber meine Freundin erinnerte mich daran, dass wir in Indonesien waren: Ein Streit mit einem Einheimischen kann leicht zu einem Streit mit vielen Einheimischen führen. Das Ganze wiederholte sich mehrmals über die nächsten zwei Tage. In der dritten Nacht platzte ich.

Ich schoss aus meinem Bett und steuerte in Unterhose auf das Appartement des Nachbarn zu. Diese Respektlosigkeit, diese Dreistigkeit, ganz zu schweigen vom Zwang, immer wieder einen Schwulenporno mit anzuhören – ich hatte genug. 

Eine indonesische Frau mit Kind im Arm ahnte, was ich vor hatte. Daumen-hoch-Zeichen von ihr. Eine Omi schaute mich aus einem Fenster eines anliegenden Appartements an. Ihr gequälter Blick sagte alles. Ich war nicht der Einzige, der die Situation hochgradig verstörend fand. Im Gegenteil: Die Einheimischen schienen auf meiner Seite zu sein. Das war die letzte Vergewisserung, die ich brauchte.

Ich fang an zu klopfen. Keine Antwort. Mein Klopfen wurde härter, begleitet von Beschimpfungen in meinem gebrochenen Indonesisch. Keine Antwort. Mein Klopfen wurde zum Hämmern. Keine Antwort. Hut ab für seine Libido so oft hintereinander ein Porno zu schauen, aber mir hat’s gereich. Die Männer grunzten weiter und fachten meine Wut an. Ich schrie noch eine letzte Warnung. Keine Antwort. Boom! Meine Faust brach durch die Tür.

Es war eine dieser Türen aus billigem Pressholz, die jedes Kind zertrümmern könnte. Dennoch sah es von außen – zumindest in meiner Vorstellung – beeindruckend aus, wie meine Faust durch die Tür schoss. Es blieb: eine vertikale, ellbogenlange Spalte mit einem faustgroßen Loch in der Mitte. Ich schaute dadurch. Mental war ich auf alles vorbereitet, dachte ich zumindest.

Ach. Du. Scheiße.

Der wahrscheinlichste Fall: ein dauerbesoffener Vollidiot. Was ich sah: ein winziger, gepflegter Indonesier genüsslich am Masturbieren. Der reagierte nicht mal. Jede Hemmung meinerseits war weg, ich trat gegen die Tür – die flog sofort auf – und betrat seine Wohnung. Plötzlich sah er mich und erschrak. Er sah aus wie jemand der … ja, wie jemand, der beim Masturbieren merkt, dass jemand seine Tür eingetreten hat, in seiner Wohnung steht und ihm beim Masturbieren zuschaut. Er sprang auf und murmelte irgendwas, seine Zunge wirkte seltsam. Was hat der bitte genommen?

Es schoss aus mir heraus: »Was ist mit dir los? Du schaust dir Pornos auf voller Lautstärke. Neben dir wohnen Kinder. Hast du keinen Respekt?« Er schaute mich verwirrt an. Er murmelte wieder etwas Unverständliches und zeigte auf sein Ohr.

Plötzlich verstand ich: Er war taubstumm.

Ich war fassungslos. Was für eine groteske Wendung der Situation. Er schaute mich hilflos an. Ich zeigte auf sein Fernseher und anschließend auf mein Ohr. Er drückte die Stummtaste. Die Lautstärke war eingestellt auf Maximalvolume. Jetzt war’s stumm.

Er war also die ganze Zeit sicher, dass es stumm war. Ich sah ihm an, wie er binnen einer Sekunde begriff, was mit ihm und um ihn herum passiert war. Und wie er überlegte, wie lange das schon so ging. Der winzige Indonesier, der sich aus der Not eine Decke geschnappt hat um nicht nackt vor mir zu stehen, merkte gerade, dass keine Decke der Welt reichen würde, um seine Machenschaften der letzten Tage verbergen zu können. Er brach fast zusammen vor Scham. Ich entschuldigte mich mit Händen und Füßen und ging wieder nach Hause.

Der fundamentale Attributionsfehler

Wieso lag ich bei der Einschätzung der Situation komplett daneben? Na ja hey, wie oft hat man einen taubstummen Indonesier nebenan, der unfreiwillig zu Pornos in voller Lautstärke masturbiert? 

Aber grundsätzlich betrachtet: Weil ich ohne nachzudenken das Verhalten auf sein Charakter zurückgeführt habe, anstatt alle Faktoren, auch die wenig wahrscheinlichen, zu berücksichtigen. 

Die Tendenz, das Verhalten anderer Menschen als Manifestation ihres Charakters zu beurteilen und nicht die Variablen der Situation zu berücksichtigen, ist ein weit verbreitetes Phänomen. So weit verbreitet, dass die Sozialpsychologie einen eigenen Begriff dafür gemünzt hat: 

Der >fundamentale Attributionsfehler<. Das Verhalten anderer wird meistens dem Charakter attribuiert, also zugeordnet, und nicht der Situation. Und das ist ein fundamentaler Fehler. Aber warum tun wir das?

Weil die Umstände oft unsichtbar sind. Ein Beispiel: Beim Autofahren schneidet mich jemand und saust über eine gerade rot gewordene Ampel. Unmittelbare Reaktion: Arschloch! Aber was wäre, wenn ich wüsste, dass seine kleine Tochter gerade einen Unfall hatte und sie kurz vorm Sterben ist und der Papa gerade ins Krankenhaus rast, um das Leben der Kleinen zu retten? Immer noch ein Arschloch? Oder nun doch der heldenhafte Papa?

Wir sehen immer nur den Menschen, der uns beim Fahren schneidet und nicht die Beweggründe für sein Verhalten. Eine gute Faustregel, wenn wir das Verhalten anderer nachvollziehen und nicht voreilig negativ bewerten wollen, lautet: 

Menschen sind grundsätzlich gut. Manchmal haben sie nur einen schlechten Tag.

Ironischerweise verstehen wir den immensen Einfluss von Situation auf das Verhalten in einem anderen Zusammenhang erstklassig: Wenn es um uns selbst geht.

Doppelmoral

Stell dir vor du hast ein Vorstellungsgespräch für einen wichtigen Job. Aber es läuft alles schief: Der Wecker hat nicht geklingelt, das Fahrrad hat einen Platten, dein Hamster ist verschwunden – Kurzfassung: Du kommst zu spät zum Gespräch. Der Arbeitgeber hört sich deine Geschichte an und du weißt genau was ihm durch den Kopf geht:  Du bekommst es nicht mal hin pünktlich zum Gespräch zu erscheinen – dich sollen wir einstellen? Er führt dein Verhalten auf deinen Charakter zurück. Dir dagegen ist klar: du hast nichts falsch gemacht und mit deinem Charakter hat das nichts zu tun – die Umstände sind Schuld.

Das Verhalten anderer sieht man also oft als Resultat ihres Charakters. Das eigene Verhalten dagegen erklärt man sich oft durch die Situation. Und die Doppelmoral begleitet uns durchs Leben.

Warum solltest du dir das bewusst machen? Weil du kein nerviger Schmock sein willst. Ein Schmock, der alle verurteilt und dabei glaubt, dass er selber keine Fehler macht. Und weil alle guten Erkenntnisse dein Leben besser machen, das macht doch eine gute Erkenntnis aus. 

Welche Erkenntnis jetzt genau? 

Man, hast du nichts vom taubstummen Indonesier gelernt? Verhalten lässt sich häufig viel besser durch Umstände als durch Charakter erklären!

À propos taubstumm: Am nächsten Morgen wollte ich mich noch mal richtig bei meinem indonesischen Pornofreund entschuldigen. Und ihm Geld für eine neue Tür geben. Er hatte das Loch in der Tür mit Papier zugeklebt. Ich klopfte und währenddessen fiel mir ein, dass er es nicht hören würde. Ich feuchtete meinen Finger an und vorsichtig machte vorsichtig ein kleines Loch ins Papier. Dahinter sah ich ein leer geräumtes Zimmer. Er war weg. Aber die Lektion, die ich durch ihn gelernt habe, wird für immer bleiben.

Fazit

Wie merkt man sich das? Merken muss man es sich nicht. Man muss es verstehen und es muss verinnerlicht werden. Wie? Indem man anfängt, Fragen zu stellen. Das Faszinierende am Fragenstellen: Antworten tauchen im eigenen Kopf einfach auf. Gott weiß woher. Fragen schaffen Bewusstsein. 

Das nächste Mal wenn du jemand verurteilst, frag dich, ob das Verhalten nicht auf etwas anderes zurückzuführen sein könnte als der vermeintlich schlechte Charakter der Person. Womöglich ist er kein Exhibitionist, vielleicht ist er einfach taubstumm.

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