Woran erkennt man in einem Menschen Tugend? Ist ein Hamster tugendhaft? Oder vielleicht nur harmlos?


Feiern gehört zu meinem Bali-Lifestyle dazu. Durch die Clubs schlendern mit meinen Jungs und das Leben in vollen Zügen genießen, was will man mehr? Was man nicht will ist jemand, der deinem Kumpel der vorbei möchte einen steifen Ellbogen in den Rücken mitgibt. Solche Menschen triggern mich. Und an dem einen Abend als dieser lästige Hund es bei meinem Freund Marius machte knallte die Sicherung durch. Ich schupste ihn voller Kraft aus dem Weg. 
Die Anschuldigungen schossen hin und her. Ich sollte ihn doch nicht einfach so wegschupsen. Einfach so habe ich es ja nicht gemacht, er hat meinem Kumpel einen mitgegeben, auch wenn er jetzt nicht mehr dazu stehen möchte. Zu den Fäusten ist es nicht gekommen. Tief drin meine ich, dass ihm klar war, dass seine Aktion Scheiße war und dass ausnahmsweise ihn jemand auf der Stelle zur Rechenschaft gezogen hat. Wie dem auch sei, ich hatte meinen Punkt gemacht. Marius fand die Aktion stark. Wir beide freuten uns über die kleine Privatjustiz. Chris sah das ganze anders. 

Zu Hause angekommen meinte Chris, ich sei mindestens genauso asozial wie der Ellbogen-in-Rücken-Affe. Was zum Teufel?! Ich war doch der Gute Samariter, der Ritter der Gerechtigkeit der dem Schurken die Stirn geboten hat. “Nein, noch Mal: du warst mindestens genauso asozial.” Aha, Erklärung bitte. „Du hast eine Scheiß-Aktion mit einer Scheiß-Aktion beantwortet. Das hätte voll eskalieren können. Du hast Glück gehabt, dass es noch Mal gut gelaufen ist. Ausserdem brauchst du nicht Polizei spielen, dafür gibt es die richtige Polizei.“ „Ach und du wärst einfach weitergelaufen an jeder Ungerechtigkeit?“ „ja, ich bin ein sozialer Mensch der nicht bei einem kleinen Schupser die Person gleich aggressiv wegdrückt“. 


Das sah ich nicht so. Aber ich konnte nicht genau artikulieren was mir nicht passte. Klar verstand ich seinen Punkt. Wir hätten uns im schlimmsten Fall alle geprügelt, Menschen hätten sich verletzt, der Abend wäre gelaufen. Danke du ach so toller weißer Ritter. Aber dass er meinte seine Reaktion des Nichtstuns sei pro-sozial und meine Reaktion des Eingreifens sei asozial schmeckte mir vorne und hinten nicht. 


Aber dann fing ich an darüber nachzudenken ob es eventuell andere Gründe gab warum Chris nicht eingegriffen hat, wie z.B. Angst. Dazu folgendes Gedankenexperiment: Hätte Chris eingegriffen wenn es zwei zehnjährige Jungs gewesen wären? Hätte Chris eingegriffen wenn die Aktion krasser gewesen wäre, wie z.B. ernsthafte sexuelle Belästigung wie eine Vergewaltigung? Also kurzgesagt, lag es vielleicht an etwas anderem als seine pro-soziale Art warum er nicht eingegriffen hat? Extremvariante: ein 15 jähriger Junge versucht ein Mädchen zu vergewaltigen. Chris könnte eingreifen ohne Angst vor physischen Schäden zu haben. Es ist also die gleiche Situation viel extremer ohne Gefahr für Chris. Würde seine pro-soziale Moral ihn immer noch davon abhalten einzugreifen? Wenn ja, dann liegt es wirklich an seiner Moralvorstellung. Wenn nein, dann könnte es etwas anderes gewesen sein. 
Die Idee, dass man das eigene Verhalten hinter einer Tugend verbirgt ist weitreichend. 

  • Liebe ich wirklich eine aufgeräumte Wohnung oder habe ich ein Aufräum-Tick?
  • Bin ich tatsächlich ein super moralischer Mensch oder in Wirklichkeit eine feige Sau?
  • Liebe ich es in einer Beziehung zu sein oder kann ich nur nicht alleine sein?
  • Bin ich wirklich treu oder habe ich nie wirklich die Möglichkeit fremdzugehen? 
  • Habe ich ein so stark ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit oder bin ich tatsächlich einfach nur asozial?

Diese Idee gibt es auch in der Tiefenpsychologie von Jung. Jung spricht von dem Schatten. Den eigenen Schatten wahrzunehmen und zu integrieren ist der erste Schritt der Individuation. Der eigenen Tugend unter den Rock zu schauen ist eine ausgezeichnete Art sich besser kennen zu lernen. Und es lohnt sich über diese Dinge nachzudenken. Denn wenn man sich selbst komplett falsch wahrnimmt, wie soll man anfangen an sich zu arbeiten? Richard Feynman hat das auf seine typisch Feynmansche’ Art ausgedrückt: „be careful not to fool yourself. And you’re the easiest person to fool“. Schau also immer hinter die oft schleimigen und zerbrechlichen Fassaden von Tugenden. Es lohnt sich.

Posted by:Walter

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