Tiefenpsychologie – was man von Discopumpern lernen kann

Tiefenpsychologie – was man von Discopumpern lernen kann

Wenn man eine Person auf irrationale Weise abstoßend findet, dann lohnt es sich genau hinzuschauen: die Tiefenpsychologie zeigt uns nämlich, dass sie womöglich genau das verkörpern, was wir selbst am meisten verdrängt haben. Ausgerechnet durch einen schamlosen Discopumper musste ich das lernen.

Selfie Time

In meinem Gym auf Bali ist für jeden Hater was dabei: russische Insta-Models, unrasierte Hippies, verwirrte Selbsthilfe-Gurus und so weiter. Sie geben der Insel, die seit »Eat Pray Love« ständig überlaufen ist, einen wundervoll exotischen Touch. Und ich persönlich finde sie alle auf ihre Weise sympathisch. Bis auf einen, einen stinknormalen Discopumper, bei dem mir ein Zacken aus der Krone gefallen ist. 

Er präsentierte sich direkt vor mir auf der Beinpresse, holte sein Handy raus und fing an, mit einer unverschämten Unbekümmertheit Selfies zu machen, inklusive Duckface, vorteilhafter Posen und verschiedener Winkel – kurz, er packte das komplette Discopumper-Selfie-Programm aus. Und das mehr als zehn Minuten lang. Er verbrannte also mit seiner Selfie-Session ordentlich Kalorien! 

Ich starrte ihn fassungslos an. Und obwohl ich direkt vor ihm saß, nahm er mich nicht wahr. Und falls doch, dann war ich ihm so egal wie eine Fliege, die einem gegen die Windschutzscheibe fliegt. Jedenfalls ließ er sich nichts anmerken. 

Ich konnte mich gedanklich einfach nicht von ihm abwenden: Wie kann man im Gym so viele Selfies machen? Wie kann man so selbstverliebt sein? Wie kann man so wenig Sozialkompetenz besitzen? Ich schaute ihm wie hypnotisiert zu. 

Ok, genug! Meine Empörung musste geteilt werden. Mein Kumpel Marius war zum Glück auch gerade im Gym. Verzweifelt versuchte ich ihn mit ins Lästerboot zu zerren, aber er unterstützte mich nicht als Gossip-Partner – im Gegenteil: »Der macht Selfies. Na und? Finde ich jetzt nicht schlimm.« 

Wie, Marius findet ihn nicht schlimm?! Für mich war bis dahin völlig klar gewesen, dass dieser Discopumper mit seinen Selfies objektiv abstoßend und gossip-würdig war. Dass das anscheinend nicht stimmte, gab mir nun ernsthaft zu denken. Unter all den Leuten, über die man sich aufregen könnte, ging mir ausgerechnet dieser eine Discopumper unter die Haut, hatte sich etwas in mir ausgerechnet bei ihm festbeißen können. Was war hier los? 

 

Das psychologische Selfie

Zeit der Sache auf den Grund zu gehen und mich selbst unter die Lupe zu nehmen:

Discopumper sind in Gyms keine seltene Erscheinung und sie haben mich nie auf die Palme getrieben, also konnte es nicht der Discopumper per se sein.

Sollte man denn im Gym keine Selfies machen? Nein, das machen viele und es hat mich nie gestört. Und ganz so unschuldig bin ich da selbst nicht. 

»Aber doch keine zehn Minuten am Stück!«, beschwerte sich etwas in mir. »Also geht es dir nur um die Dauer der Sache?«, antwortete eine andere Stimme. Hm, das klang auch nicht wirklich richtig. 

Wenn es also nichts mit einer allgemeinen Abneigung gegenüber Discopumpern zu tun hatte, wenn es weder die Selfies an sich noch die Dauer der Selfie-Session waren – was könnte mich dann so getriggert haben?

 

Carl Jung – Schattenprojektion

Da ich mich zur Zeit des Discopumper-Vorfalls mit dem Psychoanalytiker Carl Jung beschäftigte, kam mir seine Idee des Schattens in den Sinn. 

Nach der Jung’schen Psychologie ist der Schatten der Teil von einem selbst, den wir nicht akzeptieren oder wahrhaben wollen, weil er nicht im Einklang mit unserem Selbstbild oder mit gesellschaftlichen Normen steht. Und weil sich diese charakterlichen Facetten nicht mit unseren bewussten Normen und Werten vereinbaren lassen, werden sie von unserer Psyche ins Unbewusste verdrängt. 

Verdrängt ist aber nicht gleich verschwunden – im Gegenteil: Das Verdrängte beeinflusst nun aus dem Unterbewussten heraus unsere Wahrnehmung. Und wie äußert sich das ganz praktisch in der Realität? 

Wir projizieren.

Hat man einen Charakterzug verdrängt, weil er sich nicht mit unserem Selbstbild vereinbaren lässt, dann kann das dazu führen, dass man Menschen, bei denen man genau diesen Charakterzug unterbewusst wahrnimmt, nicht leiden kann.

Also durch die Jung’sche Brille betrachtet: Was könnte dieser Discopumper charakterlich an sich haben, was mir fehlt? Was ich verdrängt habe? Ich reflektierte noch einmal gründlich.

Discopumper? Stören mich nicht. 

Selfies im Gym? Habe ich auch schon gemacht. 

Zehn Minuten am Stück? Nein, so lange nie. Und warum nicht? Hm. 

Es wäre komisch, die Qualität einer Sache – also Selfies an sich – nicht schlimm zu finden, die Quantität – also eine längere Selfie-Einheit – aber schon. 

Wieso habe ich dann nie länger als ein paar Sekunden lang Selfies gemacht? Ich horchte in mich hinein und eine Stimme sprach: »Weil man nie so lange unbemerkt in einer verwinkelten Ecke des Gyms alleine ist. Und weil ich ungern beim Selfies-Machen erwischt werden möchte.« – Aha!

Was mich also eigentlich getriggert hat, war, dass es den Discopumper überhaupt nicht interessiert hat, dass ich oder irgendjemand anders ihm bei seinen Selfies zuschaut. Es war seine Unbekümmertheit, seine Unbefangenheit, mit der er die Selfies gemacht hat.  

Also war das, was er hatte und was mir fehlte, eine Scheiß-Drauf-Mentalität in Bezug darauf, was andere über einen denken könnten. Oder durch die Brille der Big-Booty-Fish-Philosophie: Er hatte vor Fremden einen großen Brocken mehr Authentizität als ich. Würde ich Selfies machen wollen und es wären andere im Gym, dann würde ich die Idee einfach fallen lassen. Er dagegen ließ sich offensichtlich durch fremde Blicke nicht beirren und konnte vor mir und allen anderen einfach er selbst sein. 

 

Mein Schatten 

Authentizität liegt mir nahe am Herzen. Und ich halte mich in vielen Hinsichten für sehr authentisch. Aber Authentizität hat viele Facetten. Und wenn es um mein Verhalten vor Fremden geht, da hat mir der Discopumper unmissverständlich gezeigt, dass ich überhaupt nicht so authentisch bin, wie ich gerne glauben wollte.

Im Gegenteil – ich bin augenscheinlich ein eitler Hund. Aber diese Erkenntnis – dass ich nicht immer ich selbst sein kann vor Fremden – schmeckte mir überhaupt nicht. Das stand im direkten Widerspruch zu meinem Selbstbild, zu dem authentischen Typen, für den ich mich doch so gerne halte. Das wollte ich nicht wahrhaben und deshalb hatte ich diese unangenehme Facette verdrängt. Sie rutschte ins Unbewusste. Und aus dem Unbewussten heraus hat sie meine Wahrnehmung kontrolliert.

Und als ich jemandem begegnet bin, der offensichtlich diesen Strang der Authentizität besaß, diesen Strang, der mir so stark fehlte, konnte ich ihn auf Anhieb nicht ausstehen. Und meine Unsicherheit, mein Entsetzen, mein Schatten äußerte sich in meiner extremen Abneigung ihm gegenüber. Dabei hatte die Abneigung überhaupt nichts mit ihm und seinen Selfies zu tun – sie boten sich einfach nur als Projektionsfläche an, in der sich mein Schatten wundervoll spiegeln konnte.

Ich versuchte mein Unbehagen wegzurationalisieren, indem ich aus meiner eigenen Unsicherheit eine charakterliche Unzulänglichkeit des anderen machen wollte.

Psychoanalytisch betrachtet verhielt sich mein Schatten wie eine Art Subpersönlichkeit, die, sobald ich sie konfrontierte, versuchte sich hinter sozialen Normen zu verstecken: »Das gehört sich doch einfach nicht im Gym.«

Die aus der eigenen Schwäche eine Tugend machen wollte: »Wieso ich das nicht machen würde? Weil ich nicht so selbstverliebt bin.«

Und nicht falsch verstehen: Das ist jetzt kein Aufruf, in der U-Bahn lautstark einen fahren zu lassen, weil man damit beweisen möchte, dass man keinen Wert auf die Meinung anderer legt. 

Bloß darf man grundsätzlich das eigene Verhalten nicht auf eine Tugend zurückführen, wenn man aufgrund einer Charakterschwäche überhaupt nicht anders hätte handeln können. 

Ein Obdachloser ist noch lange kein Minimalist. Er hat einfach nur kein Geld. Ein Minimalist ist man erst, wenn man auch anders könnte, sich aber bewusst dagegen entscheidet. 

Hätte ich Selfies machen wollen und mich dann aber aufgrund einer echten Wertvorstellung heraus dagegen entschieden, dann wäre das eine ganz andere psychologische Motivation. 

Man darf sich nur mit Tugend brüsten, wenn man auch anders gekonnt hätte. Ich dagegen war einfach nur ein eitler Hund.

 

Discopumper – From Zero to Hero 

Es ist nicht leicht, Carl Jungs Idee des Schattens anzunehmen, denn sie sieht und sucht grundsätzlich die Verantwortung bei einem selbst. 

Es ist nämlich um Welten leichter, das Böse zu externalisieren und sich einzureden, man bestehe nur aus Licht und Feenstaub. Was sind wir doch für begabte Geschichtenerzähler, wenn es darum geht, die Ecken und Kanten anderer auszuschmücken. Und fast sogar professionelle Juristen, wenn es um die Abwendung der eigenen Schuld und Verantwortung geht. Und wenn wir ausnahmsweise doch mal am eigenen Charakter feilen sollen, dann stehen wir plötzlich mit zwei linken Füßen da. 

Aber wer einmal den Entschluss gefasst hat, ernsthaft an sich selbst zu arbeiten, die Reise des Helden anzutreten, die Drachen zu jagen, die im eigenen Unbewussten lauern, für den ist die Idee der Schattenprojektion nach Jung ein mächtiges Werkzeug. 

Wer nämlich anfängt, die eigenen Schattenprojektionen zu erkennen, dem eröffnet sich ein Blick in den Abgrund seiner eigenen Psyche.

Das nächste Mal, wenn man eine andere Person abstoßend findet bzw. aus nicht unmittelbar einsehbaren Gründen nicht ausstehen kann, sollte man innehalten und sich bewusst machen, dass womöglich gerade eine Schattenprojektion stattfindet. 

Gerade bei den Menschen, die einen am meisten triggern, sollte man am genauesten hinschauen. Denn gerade diese Menschen können einem die größte Hilfe sein, können die wichtigsten Feedbackquellen bilden, wenn es um die eigene Persönlichkeitsentwicklung geht

Sie haben nämlich oft genau die Eigenschaften, die man am meisten verdrängt hat, die man aber deshalb am ehesten in den eigenen Charakter aufnehmen sollte. 

Wenn ihr mich im Gym sehen solltet, wie ich direkt vor euch stehe und euch kaum wahrnehme, während ich genüsslich mit Selfies-Machen beschäftigt bin, dann wisst ihr, dass ich es geschafft habe, ein Stück authentischer zu werden. 

Dann könnt ihr euch gewiss sein, dass ich den Discopumper nicht mehr verabscheue, im Gegenteil – ich feiere ihn. 

Alles, was uns an anderen missfällt, kann uns zu besserer Selbsterkenntnis führen. – Carl Jung

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