>>Wie kann man so dumm sein und an so eine Scheiße glauben?<<


Solche Sprüche gab es häufig von Jonny, meinem ehemaligen WG-Mitbewohner auf Bali. Religion, das Opium des Volkes, oder aus Jonnys Sicht: Das Opium der Dummen und Verzweifelten. >>Du glaubst doch nicht wirklich, dass irgendein Bärtiger tatsächlich auf dem Wasser lief. Oder dass Jonah tatsächlich von einem Wal verschluckt wurde. Leute, wir sind mittlerweile im 21. Jahrhundert, ich bitte euch!<<

Mann, bin ich froh, dass mein Vater ein Pastor ist. Und nicht der engstirnige, nur-Jesus-kann-dich-retten-Stock-im-Arsch-Pastor. Nein, der coole, der Gandalfpastor. Gandalfpastor? Ihr wisst doch was ich meine: Er ist ne’ coole Socke, der Archetyp des liebevollen, weisen alten Mannes. Auch ich habe mal wie Jonny gedacht, aber mein Gandalfpastor-Vater hat mir zum Glück mit seinem Zauberstab ordentlich gegen den Kopf gestoßen als ich es gebraucht habe – und ich habe es beim Aufwachsen viel gebraucht. Und seit dem mein Vater mich aufgeklärt hat, weiß ich, dass Religion vieles ist, aber bestimmt nicht dumm. Wie alle guten Pastoren hat er mir das Ganze mithilfe einer Geschichte erklärt:


>>Stell dir vor du bist der weise alte Sack in deinem Stamm. Nun entdeckt euer Stamm das Feuer. Du siehst die riesigen Vorteile dieses mächtigen neuen Werkzeugs – aber auch die immense Gefahr. Und deine Sorge bewahrheitet sich: Deine Stammmitglieder verbrennen sich andauernd, einige sterben sogar. Du persönlich erkennst, dass das Geheimnis darin liegt, einen gewissen Abstand zum Feuer beizubehalten. Du erzählst also allen, dass sie mindestens eine Armlänge Abstand zum Feuer halten sollen. Aber es hilft nicht, das Feuer fordert immer wieder Opfer. Was machst du nun?<<

Du überlegst dir eine Geschichte, die zum zum Zeitgeist passt: >>In dem Feuer lebt ein Dämon, der immer hungrig ist. Im Licht versteckt sind zehn Zentimeter lange Fangzähne des Dämons. Und wenn er dich auch nur einmal beißt, dann wars das mit dir! Halte also immer mindestens eine Armlänge Abstand zum Dämon im Feuer, dann lässt er dich in Ruhe!<< Die Geschichte funktioniert, alle haben jetzt den nötigen Respekt vor dem Feuer. Dein Stamm kann jetzt ohne Gefahr dieses neue Werkzeug nutzen!


>>Aber es lebt doch kein Dämon in dem Feuer, wie kann man so dumm sein und an so eine Scheiße glauben?<<, schreit ein Hobby-Jonny. Nach und nach überzeugt der alle, dass die Geschichte mit dem Dämon blödsinn ist. Menschen haben keinen Respekt mehr vor dem Feuer und verbrennen sich wieder, einige sterben sogar. Du schnappst dir diesen kleinen >Aufklärer< und klärst ihn auf: >> Herzlichen Glückwunsch! Wegen dir verbrennen sich Menschen andauernd und einige sterben, Gott sei Dank hast du alle >aufgeklärt<. Ja, es gibt kein Dämon im Feuer. Aber die Geschichte hat funktioniert<<. Jonny kontert: >>Aber die Geschichte ist nicht wahr!<<. >>Doch, ist sie. Die Geschichte ist insofern wahr, als dass sie einen Zweck erfüllt. So etwas wie objektive Wahrheit gibt es nämlich ohnehin nicht.


>>Wahrheit ist das, was funktioniert<<.


Das was funktioniert ist das, was dich am besten zum Ziel bringt. Wir wollen das Feuer nutzen. Meine Geschichte ist nicht objektiv wahr, aber noch Mal: objektive Wahrheit gibt es nicht. Sie ist aber insofern wahr, als dass sie unserem Stamm hilft mit dem Feuer richtig umzugehen. Die Geschichte funktioniert und ist dementsprechend wahr genug. Und deine „Aufklärung” hat nur dazu geführt, dass sich mehr Menschen verletzten oder sterben. Und auch wenn du schlauer bist als die Meisten, sei dir bewusst, dass du eventuell noch nicht alle Wahrheitsebenen erkannt hast bevor du lautstarke Töne spuckst“.


Moderne Analogien zum Dämon im Feuer sind der Osterhase und der Weihnachtsmann. Jeder kommt irgendwann dahinter, dass die Geschichten nicht stimmen. Aber willst du der nervige Zehnjährige sein, der die Welt der Sechsjährigen entzaubert, weil das ganze nicht objektiv wahr ist? Wenn man erstmal verstanden hat, dass es keine objektive Wahrheit gibt, sondern dass Wahrheit immer nur anhand eines Ziels bewertet werden kann, dann versteht man, dass die Geschichte vom Weihnachtsmann auf ihre Weise wahr ist: wenn das Ziel ist, Kindern eine Freude zu bereiten und sie zu inspirieren, dann ist die Geschichte definitiv wahr – sie erfüllt ihr Zweck. Und wenn man das noch nicht verstehen kann, dann sollte man genug Demut haben und darauf vertrauen, dass es Menschen gibt, die mehr verstehen als man selbst. Vielleicht findest du die Idee als Zwanzigjähriger doch gar nicht so schlecht. Und als Dreißigjähriger verkleidest du dich für deine kleine Tochter selbst als Weihnachtsmann.


Beim Weihnachtsmann verstehen die Meisten, dass die Idee nicht wahr ist, aber einen guten Zweck erfüllt. Aber was ist mit der Idee von Menschenrechten? Oder Gleichheit? Wollen wir Mal die wissenschaftliche Methode anwenden und versuchen Menschenrechte nachzuweisen? Oder fragen wir die Biologen, in welcher Hinsicht Menschen denn gleich sind? Körpergröße, Kraft, IQ – Menschen variieren überall. Und trotzdem glauben wir an die Idee von Gleichheit. Warum? Weil die Idee funktioniert, auch wenn sie offensichtlich objektiv falsch ist. Die Idee ist übrigens ein Relikt einer religiösen Idee, nämlich, dass alle Menschen eine Seele haben, die vor Gott gleich ist. Jeder, der immer noch nicht überzeugt ist, sollte Hararis Buch >Sapiens< lesen. Gibt es denn keine objektive Wahrheit? Was ist mit den Wissenschaften?


Wie kann es sein, dass vieles von dem was man im Medizinstudium vor 20 Jahren gelernt hat heute entweder überaltet oder als schlichtweg falsch gilt? Na ja, die Medizin entwickelt sich ja immer weiter. Was ist denn mit den >harten< Wissenschaften wie z.B. Physik? Newtons Physik galt lange Zeit als die absolute Wahrheit. Dann kam Einstein und hat gezeigt, dass alles was wir dachten über Physik verstanden zu haben falsch war. Einer der höchsten akademischen Grade ist der PhD. Der steht für >Doctor Of Philosophy<. Man studiert also eine Wissenschaft wie Mathe oder Biologie und einer der höchsten Auszeichnungen betitelt einen als Philosophen? Ja, weil Wissenschaft letztendlich auch nur eine Philosophie ist. Also sollte man aufhören, darüber nachzudenken, was objektiv wahr ist. Da kommt man nirgends hin. Das, was funktioniert, ist entscheidend. Das, was funktioniert, ist wahr.


Vielleicht steckt also auch mehr hinter Religion als ein Jonny der sich nie ernsthaft damit beschäftigt hat verstehen kann. Vielleicht gibt es höhere Wahrheiten die er noch nicht begriffen hat. Zumindest sollte er diese Möglichkeit einräumen. Denn schließlich haben sich Menschen Jahrtausende mit religiösen Fragen auseinandergesetzt. Im Vatikan arbeiten unfassbar schlaue und gebildete Menschen die wissen, dass kein Dämon im Feuer lungert und dass womöglich Jonah nicht im wahrsten Sinne des Wortes von einem Wal verschluckt wurde. Und trotzdem sehen sie eine Wahrheit darin. Vielleicht sehen sie mehr als jemand wie Jonny sehen kann. Vielleicht ist es doch keine Scheiße und man ist selber der dumme Affe. 

Posted by:Walter

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