Was ist schon Glück? Gelbfieber, LSD und Hippie-Festivals.

Was ist schon Glück? Gelbfieber, LSD und Hippie-Festivals.

Was ist schon Glück? Gelbfieber, LSD und Hippie-Festivals

»Sieben Wege zum ewigen Glück!« – Erzähl’s meinem Big Booty. Bitte nicht noch ein Mantra der Selbsthilfeindustrie, das ich morgens aufsagen muss, während ich mir mit dem rechten Zeigefinger mein linkes Ei massieren soll. Ich kenn das alles schon. Und es hat mir nichts gebracht. 

Ich glaube an das, was ich selbst erfahre. Und je mehr ich erfahre, umso mehr verstehe ich, dass Glück und Pech glitschige Aale sind, die man nie ganz fassen kann, denn:

  1. Ob etwas Glück oder Pech ist, hängt immer von dem ab, was später dadurch passiert
    (Ich habe im Lotto gewonnen, was für ein Glück! Aber das Geld hat mich Spielsüchtig gemacht, was für ein Pech!).
  2. Glück und Pech hängen vom Interpretationsrahmen ab. Und der wiederum vom Wertesystem, der sich jederzeit ändern kann.
    (Als Kind: ich wachse in einer armen Familie auf, was ein Pech! Als Erwachsener: zum Glück habe ich als Kind finanzielle Armut erlebt, jetzt weiß ich wirklich Geld zu schätzen, was für ein Glück!)

2018 war ich mit vier Monate lang mit dem Big Booty Fish (kurz: BBF), meinem besten Freund mit dem dicken Arsch, in Südamerka unterwegs. Was dort alles passiert ist hat mir bewusst gemacht, dass man nie wissen kann, wenn man Glück oder Pech gehabt hat. 

Unsere Reise begann mit dem berüchtigten Karneval in Rio de Janeiro. Sieben Tage sexuelle Belästigung von sparsam bekleideten brasilianischen Frauen: Jeder kann sich selbst ausmalen, ob das eine gute Sache ist. 

Anschließend drei Tage in Sao Paulo zum erholen und dann zum nächsten Highlight: Envision Festival in Costa Rica. Drei Tage vorher nach Costa Rica fliegen, Auto mieten, Zelt und Proviant fürs Festival besorgen und dann Attacke. Sounds like a plan.

Gelbfieber 

Am Flughafenschalter dann die ernüchternde Botschaft: »Ihr habt keine Gelbfieberimpfung – Ihr dürft nicht fliegen.« 

Kurzfassung: Bestimmte Länder erlauben die Einreise aus bestimmten Ländern nur mit Gelbfieberimpfung. Einreise von Brasilien nach Costa Rica fällt darunter.

»Wen muss ich schmieren?«, fragte ich.

Der Mann am Schalter schaute mich verblüfft an.

Ah, wir sind anscheinend nicht in Indonesien. Acht Jahre auf Bali gelebt und man glaubt, dass alles mit etwas Bestechungsgeld geregelt werden kann.

Der BBF war oberstinkig: »Was ist das für ’ne bürokratische Kacke! Noch nie von gehört! Wer hat heutzutage überhaupt Gelbfieber!«

»Wo ist dein Manager! Ich will mit ihm sprechen!« Ich zog aus Frust die »Du-hast-doch-eh-nichts-zu-melden-Karte«. Ich versprach mir wenig davon, aber ich war im Trotzmodus.

Der Manager kam nach kurzer Zeit, schaute sich den Fall an und sagte furztrocken: »Ihr könnt ohne Gelbfieberimpfung nicht fliegen, tut mir leid.«

Sieht nicht aus als würden wir fliegen.

Geld weg, Festival weg. Was für ein PECH!

Ich konnte und wollte es nicht wahrhaben. Es grenzte schon an Betteln: »Wir müssen in drei Tagen beim Fucking Envision Festival sein. Weißt du wie geil das wird?. Das kannst du uns jetzt nicht antun!«

Er blieb unberührt: »Ihr könnt frühestens in sechs Tagen nach Costa Rica einreisen. Ihr habt genau zwei Möglichkeiten: Ihr lasst euch heute impfen oder ihr fliegt in ein nicht Risikoland wie z.B. die USA und bleibt dort sechs Tage.«

Was nun? Es stand außer Frage, dass wir in drei Tagen auf diesem Festival sein würden. 

Wir gingen zu der nächsten Klinik und fragten, ob sie uns eine Gelbfieberimpfung geben könnten mit Ausstellungsdatum von vor sechs Tagen. Dem Verantwortlichen einen 50er in die Westentasche und los geht’s, so zumindest der Plan. Die Realität sah leider anders aus. Diese Klinik und zwei weitere als auch ein Privatarzt lehnten unsere besondere Bitte ab.

Geistige Notiz an mich selbst: Brasilien ist NICHT Bali.

Dann eben doch Plan B: Costa Rica wird ummantelt von Nicaragua und Panama. Also fliegen wir in eins der beiden Länder und suchen uns einen Fischer mit Boot der uns über die Grenze schippert und uns an einer Küste in Costa Rica aussetzt.

Zurück am Flughafen die nächste Niederlage: Für Panama und Nicaragua gilt die gleiche Einreisebestimmung bezüglich Gelbfieber. Hunde!

Plan C also: Wir fliegen in ein Land, wo man ohne Gelbfieberimpfung von Brasilien aus hinfliegen kann, bleiben dort eine Nacht und fliegen dann zum Festival nach Costa Rica, in der Hoffnung sie merken es nicht. Geografisch kamen nur Nordamerika und Puerto Rico in Frage. Hauptsache Südamerika, also ab nach Puerto Rico!

Dann eben durch die Hintertür

Das Erste was mir in Puerto Rico auffiel, war, dass es sich viel mehr nach Nordamerika als nach Südamerika anfühlte: Taco Bell, KFC, Wendys, Walmart. Ich schaute bei Wikipedia nach und stellte erschrocken fest, dass Puerto Rico ein »Außengebiet« der Vereinigten Staaten war. Und ich dachte immer, Puerto Rico sei ein Teil von Südamerika! Na gut, ist ja nur für eine Nacht (hoffentlich!!). Wir verstauten unser Gepäck in unserer Airbnb und gingen anschließend raus zum Abendessen.

»Hey, wollt ihr Gras?«, flüsterte uns eine kuriose Gestalt aus der Seitenstraße zu. Als könnte er Gedanken lesen! Wir gaben ihm etwas Geld – er uns deutlich zu viel Gras. 

Wir fanden dann ein anständiges Restaurant und bestellten was zu essen. Drei junge Amis kamen rein, sahen uns, kamen direkt auf uns zu und fragten, ob wir wüssten, wo man Gras kaufen könnte. Sehen wir denn so aus? Scheint so. Wir schenkten Ihnen den Großteil von dem, was wir gerade gekauft hatten. Sie konnten ihr Glück nicht fassen. Kleine Altruismen können viel bewirken. 

Wir kamen ins Gespräch. Alle drei waren Dachdecker, die für zwei Monate in Puerto Rico zum Arbeiten waren. Plötzlich fragte uns einer von Ihnen, ob wir Lust auf »was anderes« hätten. Sie wollten sich für das Gras revanchieren.

»Richtig Clean«

»Habt ihr Lust auf LSD? Haben wir aus Amerika mitgebracht. Ist Topzeug! Und richtig clean!«

Das »clean« werde ich nie vergessen: Erstens, weil er es leicht gelispelt und sehr lang gezogen hat (»cleaaaaaaaaan«) und zweitens, weil es alles andere als clean war.

Eine Stunde später lag ich mit dem BBF high wie ein Drachen unter einem Baum, der in meinem Zustand aussah wie ein Riesen-Bonsai. Ich fühlte mich, als durchlebte ich gerade das Dasein eines Insektes in einem Paralleluniversum, das in diesem Bonsai lebt. 

Ich sah sogar Mr. Miyagi aus Karate Kid in dem Bonsai schnipsen. Er schaute mich kopfschüttelnd an. »LSD von irgendeinem dahergelaufenen Dachdecker? Besser wissen du sollst.« Spricht Mr. Miyagi etwa gerade wie Yoda?

Wir zogen weiter in eine Salsa-Bar die direkt aus Star Wars hätte sein können. Ich war sofort im Bann der Salsa-Tänzer. Jemand forderte mich zum Tanzen auf. Ich wünschte, ich wäre in der Lage. Ich grinste einfach.

Zwölf Stunden später waren wir wieder zu Hause. Es war sieben Uhr morgens. Dieses »cleane« Zeug wirkte nach wie vor. In drei Stunden flogen wir. Wir hofften, dass sowohl in Puerto Rico beim Einchecken als auch in Costa Rica beim Einreisen niemand merkt, dass wir keine Gelbfieberimpfung hatten. Dabei sahen wir nach der Nacht und dem LSD wie die Personifizierung von Gelbfieber aus.

Der alles entscheidende Elfer

»Guten Flug!«, sagte die Frau am Schalter in Puerto Rico.

Puh, der erste Teil der illegalen Einreise hatte geklappt. Ich versuchte auf dem Flug zu lesen, aber meine Gedanken schweiften immer wieder ab. Was passierte, wenn sie in Costa Rica merkten, was wir vorhatten? Online hatte ich gelesen, dass sie dich in Quarantäne stecken würden, dir eine Strafe verpassten und dich auf deine eigenen Kosten wieder ausfliegen würden. Festival wäre mir ehrlich gesagt lieber gewesen. 

Es fühlte sich an wie einer dieser entscheidenden Momente, die die Weltgeschichte für immer prägen sollten. Wie das Gespräch zwischen dem römischen Papst und Dschingis Khan, kurz vor der geplanten Invasion der Mongolen, an dem das Schicksal der westlichen Welt hing.

Dann der erste große Schock: Auf einem Plakat kurz vor der Immigrationsstelle stand: »Gelbfieberimpfbescheid und Reisepass bereitlegen«. So viel zu meiner Einstellung »da achtet eh keiner drauf«. 

Ich suchte mir den Schalter mit der am sympathischsten wirkenden Frau, die ich ausmachen konnte. Jetzt kam der alles entscheidende Moment, der Elfer, der entscheidet, ob man Weltmeister wird oder für immer als Loser in die Geschichte eingeht. Ich gab ihr mein herzlichstes »Hola«.

Sie gab mir den Einreisestempel! »Welcome to Costa Rica«.

Wir waren da. Zwar verspätet und das Festival ging schon am nächsten Tag los. Aber: WIR HATTEN ES GESCHAFFT!

ENVISION

Was für ein GLÜCK.

Wir liehen uns fix ein SUV aus, kauften Zelte und Munchies fürs Festival und fuhren von San Jose die Küste runter Richtung Envision. Ich war schon auf sehr vielen Festivals, aber alle relativ Mainstream: Tomorrowland, Ultra, SMS, Melt etc. Ich hatte gelesen, dass Envision ein »Hippie-Festival« war, aber was das wirklich bedeutete, erfuhr ich erst vor Ort.

Am Zeltplatz der erste Realitycheck: Unsere Zeltnachbarn waren gerade am Aufbauen. Die zwei Hippie-Mädchen begrüßten uns oben ohne und mit unrasierten Achseln. Die Selbstverständlichkeit war erschreckend. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, sagen wir eher, es war sehr »ungewohnt«. Einfach mitspielen, lass dir nichts anmerken.

»Y’all wanna see some spirits?«, fragte uns ein unscheinbarer Costa Ricaner. Und ob wir Geister sehen wollen! »I have ’shrooms, MDMA, DMT…« 

Normalerweise müssen wir den Mann für die good times suchen. Die Hippies spielen in jeder Hinsicht mit offenen Karten! Die Nacht war wild. Sagen wir einfach: Wir sahen unsere Geister. 

Aber zurück am Zeltplatz um sieben Uhr morgens, aussehend wie der Geist des Todes, versuchten wir noch etwas Schlaf zu bekommen im Zelt, oder besser, in der Sauna. Die Sonne ging nämlich gerade auf und die Sonne im Sommer in Costa Rica peitscht. Es war unmöglich einzuschlafen. 

Wir verbrachten den Tag wie verstörte Geister, von einem Schattenplatz zum anderen schleichend. Der Strand war zwar nebenan und war gut zum Abkühlen, aber ansonsten war man da der nackten Sonne ausgeliefert. Am Abend fing die Feierei wieder an und mithilfe von Alkohol und anderen Substanzen tanzten wir ohne geschlafen zu haben durch die zweite Nacht. 

Flagge streichen

Sieben Uhr morgens, der BBF sah aus wie ein gestrandeter Wal. Ich sah aus wie ein aus dem fünften Stock gefallener Jackie Chan. Ein Tag lag noch vor uns. Aber wir waren am Ende. Das Festival war okay, aber der Vibe nichts für uns und der Schlafmangel und die ständige Hitze waren unerträglich. – Nicht vergessen: Wir hatten gerade sieben Tage Rio Karneval hinter uns!

Wer es ausgesprochen hat, weiß ich nicht mehr, aber wir haben das Gleiche gedacht: Lass uns vorzeitig das Handtuch werfen. Ich habe noch nie ein Festival vorzeitig verlassen. Es fühlte sich wie Verrat an. Wir überließen unser Zelt den Hippies und gingen geschlagen zum Auto. 

Dort die nächste Überraschung: Es war aufgebrochen und alles Wichtige war weg: Laptop, Handy, Geld. Das Einzige, was sie dagelassen hatten, war mein Kindle (Selbst Diebe haben anscheinend Respekt vor dem Geschriebenen!). Was für eine Scheiße.

Wie viel PECH kann man haben?

Glück, Pech, was steckt eigentlich dahinter?

Recap:

Glück:
Wir durften vier Monate durch Südamerika reisen!

Pech:
Wir konnten nicht nach Costa Rica einreisen und verpassten fast unser Festival, da wir keine Gelbfieberimpfung hatten.

Glück:
Wir konnten trotzdem einreisen, weil unser Plan aufging. Wir waren auf dem Festival.

Pech:
Das Festival war nicht das, was wir uns versprochen hatten, und wir wurden komplett ausgeraubt.

Glück (drei Jahre später):
Was für eine Geschichte – sind wir nicht deswegen nach Südamerika gereist?

Fazit:

Glück und Pech sind keine Konstanten. 

Oft rücken neue Erfahrungen vorher gemachte Erfahrungen in ein anderes Licht. Oder Erlebnisse werden neu interpretiert. JETZT freue ich mich, dass alles ganz genau so gekommen ist, jetzt kann ich über alles lachen und jetzt würde ich nichts von dem oben Geschliderten vermissen wollen.

Wenn man erstmal verstanden hat, dass man wirklich nicht wissen kann, ob etwas in dem Moment Glück oder Pech darstellt, dann fängt man an weniger über das was einem widerfährt zu urteilen. 

Man fängt an zu akzeptieren. Aber nicht auf eine stinkige vegane Lotusblumenart, sondern ganz pragmatisch. Man akzeptiert Dinge, weil man verstanden hat, dass in den meisten Situationen man überhaupt nicht wissen kann, ob man gerade Glück oder Pech erfährt. Dementsprechend hats wenig Sinn sich darüber zu ärgern.

Ich höre ein leises: »Akzeptieren du sollst« von Mr. Miyagi mit Yodas Stimme. Mann bin ich froh, dass ich um Karate zu lernen nicht seinen Scheiß-Zaun streichen musste. Aber hey: Wer weiß wozu das geführt hätte und ob das ultimativ Glück oder Pech wäre. Wie dem auch sei, ich hätte es akzeptiert.

»You can’t connect the dots looking forward; you can only connect them looking backwards.« – Steve Jobs

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