In meinem Gym in Bali sind wilde Charaktere keine Seltenheit. Meistens nehme ich sie kaum wahr. Und ich habe bestimmt nichts sie. Im Gegenteil. Bis auf eine Person an den ich mich genau erinnern kann. Der ging mir leidenschaftlich auf die Nüsse. So richtig. Ohne ihn zu kennen habe ich ihn verachtet. Bis mir etwas klar wurde. Dann habe ich ihn geliebt. 


Er ging auf die Beinpresse die genau vor mir lag. Ich nahm ihn gerade so wahr. Er holte sein Handy raus und fing an Fotos von sich selbst zu machen. Willkommen auf Bali. Ein paar Fotos haben noch nie jemandem geschadet. Er packte sein Duckface für Instagram aus und ging alle seine Posen durch. Ich starrte ihn an. Er nahm mich so wahr, wie man eine Fliege wahr nimmt die von aussen gegen die Fensterscheibe fliegt. Er fing an mich aufzuregen. Wie kann man so viele Fotos von sich selbst machen? Wie selbstverliebt kann man sein? Nach einigen Minuten habe ich es nicht mehr ertragen. Mein Mitbewohner Marius war zum Glück im Gym. Time for Gossip. „Guck dir den Mal an, macht seit 5 Minuten ununterbrochen Fotos von sich selbst. Was für ein Affe.“ Marius schaute mich verblüfft an: „Der macht doch nur Fotos, tut doch niemandem was, finde ich jetzt nicht Schlimm“. Das gab mir ernsthaft zu Denken. Wieso wirkte er so toxisch auf mich? 


Ich fing an die Situation zu dekonstruieren. Sollte man im Gym keine Bilder von sich selbst machen? Das habe ich selber auch schon. Aber keine 5 Minuten am Stück. Ging es mir also um die Dauer seines Photoshoots? Die Hypothese schien mir fragwürdig. Weder die Sache noch die Dauer fand ich prinzipiell nicht in Ordnung, zumindest nicht so sehr, dass es Sinn machen würde mich darüber aufzuregen. Warum hatte er mich dann so getriggert? 
Mein Allzeit Held und Psychologe Carl Jung und seine Idee des Schattens kam mir in den Sinn. Der Schatten ist nach der Philosophie von Jung der Teil der Psyche den man verdrängt weil er mit den Werten des bewussten Teils der Psyche in Konflikt steht. Das Bewusste hat ihn verdrängt und nun kontrolliert er das Bewusste aus dem Unterbewussten heraus. Wie wirkt sich das in der Realität aus? Man projiziert. 


Was genau hat mich also gestört? Was könnte er gehabt haben was ich nicht hatte? Ich mache auch Bilder von mir selbst. Auch im Gym. Auch gerne Mal länger, aber nur wenn das Gym leer ist – aha! Der einzige Unterschied zwischen ihm und mir ist also der, dass es ihm Scheiß egal war, dass ihm irgendjemand dabei zuschaut. Er hatte gerade Lust darauf, also hat er es gemacht. Warum kann ich das nicht? Weil ich ein eitler Bastard bin. Mein alter Freund, Eitelkeit. 
Als jemand der gerne glauben möchte er arbeitet ständig und bewusst an seiner geistigen Entwicklung war das ein Fisch-Booty ins Gesicht. Ich hatte diesen Fremden nicht ausstehen können und über ihn gelästert um dann nur zu erkennen, dass meine eigene Eitelkeit dahinter steckte.  Ich habe also projiziert. Das was man ins Unbewusste verdrängt hat ist mit all den anderen negativen Dingen vermischt die im Unterbewussten sind (deshalb Schatten und nicht Sonne). Wenn jemand genau das verkörpert findet man ihn abstoßend. Und so fand ich ihn abstoßend, konnte aber nicht genau erklären warum, empfand also 1. eine allgemeine Abneigung ihm gegenüber und 2. habe ich meine Abneigung auf das einzige zurückgeführt was ich gesehen habe.


Das interessante am Schatten ist, dass jede Person für die man eine Abneigung empfindet zu einem guten Feedback wird den eigenen Schatten zu konfrontieren. Natürlich steckt nicht jedes Mal der eigene Schatten dahinter. Beispielsweise ein Mann seine Frau schlägt und ich finde den Mann abstoßend. Habe ich nur projiziert oder ist der Mann ein Arschloch? Wahrscheinlich bei den meisten Menschen Letzteres. Aber in bestimmten Situationen empfinden wir für bestimmte Menschen und bestimmte Verhaltensweisen eine signifikante Abneigung. Und diese Momente können wir nutzen um uns selber besser zu verstehen. Danke Diskopumper für die tolle Einsicht. Ich hasse dich nicht mehr, du bist mein Held. 

Posted by:Walter

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