Tiefenpsychologie – was man von Discopumpern lernen kann

Tiefenpsychologie – was man von Discopumpern lernen kann

Manchmal spürt man eine extrem irrationale Abneigung gegenüber einem anderen Menschen. Ironischerweise sind es genau diese Menschen, von denen man oft am meisten lernen kann, weil sie genau den Charakterzug besitzen, der einem selbst am meisten fehlt. Ausgerechnet durch einen schamlosen Discopumper musste ich das lernen. 

In meinem Gym auf Bali ist für jeden Hater was dabei: tanzende Transen, unrasierte Hippies, verwirrte Gurus etc.

Ich persönlich finde sie – fast – alle auf ihre Weise nett. Sie geben der Insel, die seit »Eat Pray Love« ständig überlaufen ist, einen wundervoll exotischen Geschmack.

Aber einer lief mir über den Weg, ein stink normaler Discopumper, bei dem mir ein Zacken aus der Krone gefallen ist. Und das aus einem äußerst unerwarteten Grund.

 

Selfie Time

Er präsentierte sich direkt vor mir auf der Beinpresse, holte sein Handy raus und fing an mit einer unverschämten Unbekümmertheit Selfies zu machen, inkl. Duckface, vorteilhafte Posen und Winkel etc. – kurz, er packte das komplette Discopumper Selfie-Programm aus. Und das über zehn Minuten lang! 

Ich starrte ihn fassungslos an. Und obwohl ich direkt vor ihm saß, nahm er mich nicht wahr. Und falls doch, dann war ich ihm so egal wie eine Fliege, die einem gegen die Windschutzscheibe fliegt. Jedenfalls ließ er sich nichts anmerken. 

Ich konnte mich gedanklich einfach nicht von ihm abwenden: Wie kann man im Gym so viele Selfies machen? Wie kann man so selbstverliebt sein? Ich schaute ihm wie hypnotisiert zu. 

Ok, genug! Meine Empörung musste geteilt werden. Mein Kumpel Marius war zum Glück auch gerade im Gym. Verzweifelt versuchte ich ihn ins Lästerboot zu zerren, aber der unterstützte mich nicht als Gossip-Partner – im Gegenteil: »Der macht Selfies. Na und? Finde ich jetzt nicht schlimm.« 

Wie, Marius findet ihn nicht schlimm?! Für mich war bis zu dem Zeitpunkt klar, dass sein Verhalten universell abstoßend und gossip-würdig war. Das gab mir nun ernsthaft zu Denken. Aus diesem Dschungel an Kanarienvögeln hat es ausgerechnet irgendein dahergelaufener Discopumper geschafft, mich zu nerven. Was war hier los? 

 

Der psychologische Selfie

Zeit mich selbst unter die Lupe zu nehmen:

Discopumper gibts wie Sand auf Bali und sie haben mich nie auf die Palme getrieben, also der Discopumper per se konnte es nicht sein.

Sollte man denn im Gym keine Selfies machen? Nein, das machen viele und es hat mich nie gestört. Auch ich habe schon mal ein Selfie im Gym gemacht. 

»Aber doch keine zehn Minuten am Stück«, beschwerte sich etwas in mir! »Also geht es dir rein um die Dauer der Sache?«, antwortete eine andere Stimme. Hm, resonierte auch nicht wirklich. 

Wenn es also nichts mit einer allgemeinen Abneigung gegenüber Discopumpern zu tun hatte, weder die Selfies an sich noch die Dauer der Selfie-Session war – was könnte mich dann so getriggert haben?

 

Carl Jung – Schattenprojektion

Da ich mich zu der Zeit des Discopumper-Vorfalls mit dem Psychoanalytiker Carl Jung beschäftigte, kam mir seine Idee des Schattens in den Sinn. 

Nach Jung’scher Psychologie ist der Schatten der Teil von einem selbst, der sich nicht mit den bewussten Wertvorstellungen vereinbaren lässt. Also mit den – vermeintlich – schlechten Facetten der eigenen Psyche. Und dadurch, dass diese Werte nicht mit dem Bewusstsein vereinbar sind, werden diese Charakterzüge ins Unterbewusste verdrängt.

Verdrängt ist aber nicht gleich verschwunden – im Gegenteil: das Verdrängte beeinflusst nun aus dem Unterbewusstsein heraus das Bewusstsein. Und wie äußert sich das ganz praktisch in der Realität? 

Man projiziert. 

Hat man einen Charakterzug, der sich nicht mit den bewussten Werten und Normen vereinbaren lässt, verdrängt, dann kann es dazu führen, dass man Menschen die genau diesen Charakterzug ausstrahlen nicht leiden kann.

Also durch die Jung’sche Brille betrachtet: Was könnte dieser Discopumper charakterlich inne haben, was mir fehlt? Ich reflektierte noch einmal gründlich.

Discopumper? Stören mich nicht. 

Selfies im Gym? Habe ich auch schon. 

Zehn Minuten am Stück? Nein, so lange nie. Und warum nicht? Hm. 

Es wäre komisch, die Qualität einer Sache, also Selfies an sich, nicht schlimm zu finden, dagegen aber die Quantität, also eine längere Selfie-Einheit, schon. 

Wieso habe ich dann nie länger als einige Sekunden lang Selfies gemacht? Ich horchte in mich hinein und eine Stimme sprach: »Weil man nie so lange unbemerkt in einer verwinkelten Ecke des Gyms alleine ist. Und ich ungern dabei erwischt werden möchte, wie ich selbstverliebt Selfies mache« – Aha!

Was mich also eigentlich getriggert hat war, dass es ihn überhaupt nicht interessiert hat, dass ich bzw. irgendjemand ihm bei seinen Selfies zuschaut. Hätte ich Selfies machen wollen und es wären viele andere im Gym, dann würde ich es schlichtweg sein lassen. 

Was er also hatte und was mir fehlte, war eine Scheiß-Drauf-Mentalität darüber, was andere über ihn denken könnten. Oder durch die Brille der Big-Booty-Fish-Philosophie: Er hatte in der sozialen Sphäre einen großen Brocken mehr Authentizität als ich.

 

Mein Schatten – Eitelkeit

In anderen Worten: er teilte meine Eitelkeit nicht, also meine übertriebene Sorge darüber, was andere von mir denken könnten – und das schmeckte mir gar nicht. Und deshalb projizierte ich unbewusst.

Durch die Erfahrung mit dem Discopumper wurde mir meine eigene Eitelkeit vorgehalten. Nicht, dass ich nie wusste, dass ich ein wenig Eitelkeit mit mir rumschleppe. Aber bis dahin empfand ich sie nie als großes Problem. Sie war ein kleiner, unangenehmer Teil meiner Persönlichkeit, die bis dahin gut verdrängt war. 

Psychoanalytisch betrachtet war sie eine Art Subpersönlichkeit, die sich bemerkbar machte durch eine rational nicht zu erklärende Abneigung, durch eine Schattenprojektion: »Schau dir mal diesen Vollidiot an, der ununterbrochen Selfies macht!«

Die bei der geistigen Konfronatation versuchte, sich hinter sozialen Normen zu verstecken: »Das gehört sich doch einfach nicht im Gym«.

Die aus der eigenen Schwäche eine Tugend machen wollte: »Wieso ich das nicht machen würde? Weil ich nicht so selbstverliebt bin«.

Und nicht falsch verstehen: solche Handlungsmaxime haben grundsätzlich ihre Daseinsberechtigung. 

Bloß darf man das eigene Verhalten nicht auf Normen oder Tugenden zurückführen, wenn man aufgrund einer Charakterschwäche überhaupt nicht hätte anders handeln können. 

Ein Obdachloser ist noch lange kein Minimalist. Er hat einfach nur kein Geld. Ein Minimalist ist man erst, wenn man auch anders könnte, sich aber bewusst dagegen entscheidet. 

Hätte ich Selfies machen wollen und grundsätzlich keine Eitelkeit inne, aber mich dann aus einer anderen echten Wertvorstellung heraus dagegen entschieden, dann wäre das eine ganz andere psychologische Motivation. 

Man darf sich nur mit Tugend brüsten, wenn man denn auch anders gekonnt hätte. Ich dagegen war einfach nur ein eitler Hund. 

 

Discopumper – From Zero to Hero 

Jungs Ideen des Schattens und der Schattenprojektion sind für viele Menschen eine unangehme Realität, die sie lieber verdrängen würden. 

Es ist nämlich um Welten leichter, das Böse zu externalisieren und sich einzureden, man bestehe nur aus Licht und Feenstaub. Was sind wir doch für begabte Geschichtenerzähler, wenn es darum geht, die Ecken und Kanten anderer auszuschmücken. Und fast sogar professionelle Juristen, wenn es um die Abwendung der eigenen Schuld und Verantwortung geht. Und wenn wir doch ausnahmsweise am eigenen Charakter feilen sollen, so stehen wir plötzlich mit zwei linken Füßen da. 

Aber wer einmal den Entschluss gefasst hat, ernsthaft an sich selbst zu arbeiten, die Reise des Helden anzutreten, die Drachen zu jagen, die im eigenen Unbewussten lauern, die im eigenen Schatten kauern, für den ist die Idee der Schattenprojektion nach Jung ein mächtiges Werkzeug. 

Wer anfängt die eigenen Schattenprojektionen zu erkennen, dem öffnet sich ein Blick in den Abgrund seiner eigenen Psyche. Die Menschen, die einen am meisten triggern, werden zu den wichtigsten Feedbackquellen für die persönliche Entwicklung des eigenen Charakters.

Wie bei mir im Falle des Discopumpers, der mich dazu gebracht hat, meine eigene Eitelkeit zu konfrontieren. Eitelkeit habe ich nun näher untersucht. Und für mich persönlich ist Eitelkeit aus zwei Gründen nicht akzeptabel: 

Erstens, weil sie mit Authentizität kollidiert: Wer sich zu viel um Meinung anderer sort, der kann nicht komplett authentisch sein.

Und zweitens, man sich nie einer Sache zu ein hundert Prozent hingeben kann, wenn stets ein Teil der kognitiven Bandbreite mit der Außenwirkung auf andere beschäftigt ist.

Das nächste mal, wenn man man eine andere Person abstossend findet, bzw. aus nicht unmittelbar einsehbaren Gründen nicht ausstehen kann, sollte man innehalten, denn womöglich findet eine Schattenprojektion statt. 

Und gerade bei den Menschen, die einen am meisten triggern, sollte man am genauesten hinschauen. Gerade diese Menschen können die größten Hilfen sein, wenn es um die eigene Persönlichkeitsentwicklung geht. Sie haben nämlich oft genau die Eigenschaften, die man am meisten verdrängt hat, die man aber deshalb am ehesten integrieren sollte. 

Wenn ihr mich im Gym sehen solltet und ich stehe direkt vor euch nehme euch kaum wahr während ich Selfies mache, dann seid euch gewiss, dass ich meine Eitelkeit überwunden habe.

Seid euch gewiss, dass der Discopumper nicht mehr mein Feind, sondern mein Held ist.

Kommentar verfassen