Seine Speisekarte lautet: ›Vertrau mir‹. Und das Vertrauen lohnt sich. Nicht nur wegen des erstklassigen Essens. Vor allem wegen der Lektion dahinter: Authentizität zahlt sich nämlich aus – selbst in Dahab, einem ehemaligen Fischerdorf am Rande der Welt.

Mein langjähriger Reisegefährte, besser bekannt als der Big Booty Fish, liebt Freediving und hat mich zu sich nach Dahab eingeladen, um mir diesen Sport beizubringen. Dahab liegt auf der ägyptischen Halbinsel Sinai an einem Küstenstreifen des Roten Meers. Um hinzukommen, fliegt man nach Scharm El-Scheikh und fährt eine gute Stunde Richtung Norden. Dort trifft man auf freundliche Araber mit faulen Zähnen, verspielte Straßenhunde und bescheidenes Essen.

Dahab ist winzig und auf der Hauptstraße wurde ich schon nach einigen Tagen von vielen Einheimischen begrüßt. Mein Freund Farzad war auch dabei, der gute Iraner, mit dem ich seit Schulzeiten dicke bin. Die Taxifahrer fanden ein besonderes Interesse an ihm: Jeder zweite hatte nämlich das Bedürfnis, ihm im Vorbeifahren seine Nationalität mitzuteilen: »Du siehst aus wie ein Algerier!«, »Du kommst doch aus Israel!«, »Du bist doch Bedouin – einer von uns!« Ich finde nach wie vor, dass er aussieht wie ein Pakistani. Wie dem auch sei, ich feierte ihre offene Art und Farzad seinen neu gewonnen Spitznamen: »Bedouin«.

Ich gehe gerne gut essen, und wären nicht die Hälfte meiner Gene made in Japan würde man das auch an meinem Bauch sehen. Dahab bot mir in der Hinsicht wenig: zahlreiche Falafelläden und typisch ägyptisches Straßenessen, eine Pizzeria, ein Burgershop – und alles spottgünstig. Bei Google fand ich lauter Restaurants mit wenigen Bewertungen und im Schnitt unter drei Sternen. Und dann sah ich ›Zanooba‹: 250 Bewertungen und 4,9 Sterne! ›Zanooba Slow Cooking‹ – was zum Teufel? Ein Fehler in der Matrix? Ich fand das Restaurant. Auf einer Bank vor dem Laden saß Karim, der Besitzer. Ich fragte ihn, was sie so haben und was er empfehlen könnte. Karim fragte, ob ich grundsätzlich alles äße. Ich bejahte. Er musterte mich und sagte: »Wir sehen uns morgen um 19 Uhr – Vertrau mir!«

Erst mal zum Essen: Slow Cooking, besser bekannt unter Schongaren, ist das langsame Kochen und Garen von Speisen. Karims Slow Cooked Ente mit eingelegtem Reis und pikanter ägyptischer Sauce – ich nominiere den Mann für einen Stern am Hollywood Boulevard. Und das obwohl Karims Schuppen mitten in der ägyptischen Wüste mehr Sauna als Restaurant ist. Slow Cooking gilt definitiv auch für die Gäste – aber bei dem göttlichen Essen nimmt man’s gerne in Kauf. Wer hätte in Dahab mit so einem Essen gerechnet. Dahab, wo es eine Handvoll weggelaufener Hippies und Freediver gibt, alle typischerweise mit wenig Budget unterwegs; an jeder staubigen Ecke Falafel mit Salat aus Plastikschüsseln plus Getränk, lauwarm, für knapp einen Euro; kurz: rein marketingtechnisch der mieseste Ort der Welt für teures, exquisites Essen.

Wie zum Teufel kommt man auf die Idee, ausgerechnet hier ein Slow-Cooking-Restaurant aufzumachen? 

ich fragte Karim, Anfang vierzig, Plauze wie Buddha, Lockenkopf und große Lippen, die aussehen als hätte er gerade Essen abgeschmeckt. Der erzählte mir, dass er in Kairo zur Welt kam und als Jugendlicher öfter Urlaub in Dahab machte um zu free zu diven. In seinen Zwanzigern reiste er durch Europa und kam in England auf den Geschmack von Slow Cooking. Seit seinem ersten Slow-Cooking-Erlebnis hat ihn die Idee gepackt, selbst ein Slow-Cooking-Restaurant zu eröffnen. Erst wollte er eins in Kairo aufmachen, aber die Großstadt war ihm zu hektisch. Dahab dagegen war klein, entspannt, am Meer – genau das, was Karim liebte. Also zog er nach Dahab, fand einen Koch, der Erfahrung in dieser Art der Zubereitung hatte und verfeinerte zusammen mit dem Koch über einige Wochen die Rezepte, die er im Sinn hatte. 

Das Restaurant kam sofort gut an. Nach einem Monat erpresste ihn der Koch: Entweder er bekommt das Doppelte des Gehalts oder er ist weg. Karim ließ sich nicht erpressen und nahm selbst den Kochlöffel in die Hand. Der Rest ist Geschichte: ›Zanooba‹ ist seit Jahren bei Trip Advisor auf Platz 1 in Dahab. Mittlerweile sogar auf Platz 3 auf der gesamten Halbinsel Sinai. 

Nun zu der eine Million Euro Frage: Wieso ist er, selbst in Dahab, so erfolgreich?

Weil er das traditionelle Geschäftsmodell auf den Kopf gestellt hat und mit Authentizität angefangen hat.

Das traditionelle Geschäftsdenken sieht ungefähr so aus: Was will der Markt? Hoffentlich kann ich diese Marktlücke füllen. Wenn ich etwas Glück habe, finde ich das Ganze sogar halbwegs interessant. Und wenn ich von allen Göttern gesegnet bin, macht mir das Ganze sogar Spaß. 

Karim hätte sich folglich fragen können: Was würde in Dahab gut ankommen? Dahab hat, beispielsweise, noch kein griechisches Restaurant. In Dahab sind viele mit wenig Budget unterwegs. Also mache ich ein ›Taverna Poseidon‹ auf, die günstiges Essen anbietet, voilà! 

Nein. Karim fing mit Authentizität an: Was macht mir Spaß? Was finde ich interessant? Slow Cooking finde ich faszinierend und es würde mir riesigen Spaß machen. Und ich liebe Dahab. Also mache ich ein Slow-Cooking-Restaurant in Dahab auf. Hätte er sich vom konventionellen Geschäftsdenken leiten lassen, hätte Karim möglicherweise sein Restaurant nie aufgemacht. Und gerade deswegen hat es so gut geklappt.

Warum?

Weil Menschen, die etwas gefunden haben, was sie lieben und bereit sind, in dieser Angelegenheit alles auf eine Karte zu setzen, einfach zum Erfolg verdammt sind. Erstens weil sie durch ihre Liebe zur Sache einen natürlichen, riesigen Vorteil gegenüber allen anderen Menschen haben, die nur fürs Geld dabei sind. Und zweitens, weil sie inspirieren. Und Menschen lieben es inspiriert zu werden. Karim ist essenzieller Teil des Slow-Cooking-Erlebnisses. Es macht Spaß, ihm zuzuschauen. Er ist eine Inspiration, weil er etwas hat, das viele Menschen nicht haben: Er liebt, was er tut. Und wie ist er dahin gekommen? Noch Mal: Alles fing mit Authentizität an.

Ein weiteres Beispiel ist Craig Foster aus der Netflix-Doku ›Mein Lehrer, der Krake‹. Craig verbringt ein Jahr mit einem Kraken, der in einer Bucht in der Nähe von Kapstadt haust. Ich habe im Jahr 2020 selbst zwei Monate in Kapstadt gelebt – der Ozean dort ist ein einziges großes Eisbad. Craig taucht ein Jahr lang täglich – ohne Neoprenanzug – in eisige Gewässer und fängt quasi eine Affäre mit einem Kraken an. 

Kann man so etwas faken? Kaum. Das kann man nur durchziehen, wenn es authentisch ist. Es heißt, Kraken wären alienähnliche Kreaturen. Für mich ist Craig interessanter als der Krake. Wenn der Krake täglich ein Jahr lang zu Craig ins Wohnzimmer kommen würde und ihn den ganzen Tag über beobachten würde und dann abends wieder ins Meer hüpfen würde – dann würde mich die Krake interessieren. Nein, Craig ist der Krake, Craig ist das Alien, nicht der Krake ist der Star der Doku, sondern Craig. Was Craig macht, ist eine Hommage an die Kraft von Authentizität – und an die Anziehungskraft, die von Authentizität ausgeht.

Auch Craig hat sich nicht am konventionellen Geschäftsdenken orientiert, er hat sich nicht gedacht: Die Welt hat noch keine Affäre zwischen Mensch und Krake gesehen. Also werde ich ein Jahr lang ins eiskalte südafrikanische Wasser abtauchen und eine Affäre mit einer verflixten Krake anfangen. Ich werde solange Paparazzi spielen, bis ich genug Material zusammen bekomme, um eine Netflix-Doku zu drehen. Die kommt sicherlich gut an! 

Nein. So was muss authentisch sein, sonst geht es nicht.

Man sollte immer mit Authentizität anfangen. Es macht garantiert am meisten Spaß. Der Erfolg folgt dann von alleine. Craig hat den Oscar für Authentizität verdient. Oder zumindest ein Slow-Cooked-Essen im ›Zanooba‹ mit Karim.

Posted by:Walter

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