Authentizität – Die eingelegte Ente und die Krakenaffäre

Authentizität – Die eingelegte Ente und die Krakenaffäre

Seine Speisekarte lautet: ›Vertrau mir‹. Und das Vertrauen lohnt sich. Nicht nur wegen des erstklassigen Essens, sondern vor allem wegen der Lektion dahinter: Authentizität zahlt sich nämlich aus – selbst in Dahab, einem ehemaligen Fischerdorf am Rande der Welt.

Dahab – Weltklasse Freediving, abscheuliches Essen

Dahab liegt auf der ägyptischen Halbinsel Sinai an einem Küstenstreifen des Roten Meers. Mein langjähriger Reisegefährte, besser bekannt als der Big Booty Fish, liebt Freediving und hat mich zu sich nach Dahab eingeladen, um mir diesen Sport beizubringen. Dort trifft man auf freundliche Araber mit faulen Zähnen, verspielte Straßenhunde und abscheuliches Essen.

Ich gehe gerne gut essen, und wären nicht die Hälfte meiner Gene made in Japan würde man das auch an meinem Bauch sehen. Dahab bot mir in der Hinsicht wenig: zahlreiche Falafelläden und typisch ägyptisches Straßenessen, eine Pizzeria, ein Burgershop – und alles spottgünstig. Die Suche bei Google bot auch keine Hilfe: Lauter Restaurants mit keinen oder nur schlechten Bewertungen.

»Vertrau mir«

Und dann sah ich die Anomalie namens ›Zanooba‹: 250 Bewertungen und 4,9 Sterne! ›Zanooba Slow Cooking‹ – was zum Teufel? Ein Glitch in der Matrix? Ich suchte das Restaurant auf. Auf einer Bank vor dem Laden saß Karim, der Besitzer. Ich fragte ihn, was sie so haben und was er empfehlen könnte. Karim fragte, ob ich grundsätzlich alles äße. Ich bejahte. Er musterte mich und sagte: »Wir sehen uns morgen um 19 Uhr – Vertrau mir

Erst mal zum Essen: Slow Cooking, besser bekannt unter Schongaren, ist das langsame Kochen und Garen von Speisen. Karims Slow Cooked Ente mit eingelegtem Reis und pikanter ägyptischer Sauce schmeckte ganz und gar abgöttisch. Und das obwohl Karims Schuppen mitten in der ägyptischen Wüste mehr einer Sauna als einem Restaurant ähnelt und das Slow Cooking scheinbar auch für die Gäste gilt. 

Teures Essen für knausrige Hippies – wie geht das?

Wer hätte in Dahab mit so einem Essen gerechnet? Dahab, wo es eine Handvoll entronnener Hippies und Freediver gibt, alle typischerweise mit wenig Budget unterwegs; an jeder staubigen Ecke Falafel mit Salat aus Plastikschüsseln plus Getränk, lauwarm, für knapp einen Euro; kurz: rein marketingtechnisch der mieseste Ort der Welt für teures, exquisites Essen.

Wie zum Teufel kommt man auf die Idee, ausgerechnet hier ein hochpreisiges Slow-Cooking-Restaurant aufzumachen? Und noch verwirrender: wer hätte je gedacht, dass so ein teures Restaurant hier jemals überleben, geschweige denn erfolgreich sein, würde?

Karims Story

ich fragte Karim, Anfang vierzig, Plauze wie Buddha, Lockenkopf und große Lippen, die aussehen als hätte er gerade Essen abgeschmeckt. Der erzählte mir, dass er in Kairo zur Welt kam und als Jugendlicher öfter Urlaub in Dahab machte um zu free zu diven. In seinen Zwanzigern reiste er durch Europa und kam in England auf den Geschmack von Slow Cooking. Seit seinem ersten Slow-Cooking-Erlebnis hat ihn die Idee gepackt, selbst ein Slow-Cooking-Restaurant zu eröffnen. 

Erst wollte er eins in Kairo aufmachen, aber die Großstadt war ihm zu hektisch. Dahab dagegen war klein, entspannt, am Meer – genau das, was Karim liebte. Also zog er nach Dahab, fand einen Koch, der Erfahrung in dieser Art der Zubereitung hatte und verfeinerte zusammen mit dem Koch über einige Wochen die Rezepte, die er im Sinn hatte.

Das Restaurant kam sofort gut an. Nach einem Monat erpresste ihn der Koch: Entweder er bekommt das Doppelte des Gehalts oder er ist weg. Karim ließ sich nicht erpressen und nahm selbst den Kochlöffel in die Hand. Der Rest ist Geschichte: ›Zanooba‹ ist seit Jahren bei Trip Advisor auf Platz 1 in Dahab. Mittlerweile sogar auf Platz 3 auf der gesamten Halbinsel Sinai.

Nun zu der eine Million Euro Frage: Wie konnte er mit so einem Restaurant, selbst in Dahab, so erfolgreich werden?

Authentizität

Weil Karim das traditionelle Geschäftsmodell auf den Kopf gestellt hat und mit Authentizität angefangen hat.

Das traditionelle Denken in der Geschäftswelt sieht folgendermaßen aus: Was will der Markt und wie fülle ich diese Marktlücke?. Wenn ich etwas Glück habe, finde ich das Ganze sogar halbwegs interessant. Und wenn ich von allen Göttern gesegnet bin, macht mir das Ganze sogar halbwegs Spaß.

Karim hätte sich folglich fragen können: Was würde in Dahab gut ankommen? Dahab hat, beispielsweise, noch kein griechisches Restaurant. In Dahab sind viele mit wenig Budget unterwegs. Also mache ich ein ›Taverna Poseidon‹ auf, die günstiges Essen anbietet, voilà!

Nein. Karim fing mit Authentizität an: 

»Was macht mir Spaß? Was finde ich interessant? Slow Cooking finde ich faszinierend und es würde mir riesigen Spaß machen. Und ich liebe Dahab. Also mache ich ein Slow-Cooking-Restaurant in Dahab auf.« Hätte er sich vom konventionellen Geschäftsdenken leiten lassen, hätte Karim sein Restaurant nie eröffnet. Und gerade deswegen, gerade weil er sich von seiner Authentizität leiten ließ, hat es so hervorragend funktioniert.

Und warum sollte man auf Grund von Authentizität einen Vorteil haben?

Weil Menschen, die etwas gefunden haben, was sie lieben und bereit sind, in dieser Angelegenheit alles auf eine Karte zu setzen, einfach zum Erfolg verdammt sind. 

Erstens weil sie durch ihre Liebe zur Sache einen natürlichen, riesigen Vorteil gegenüber allen anderen Menschen haben, die nur fürs Geld dabei sind. Und zweitens, weil sie inspirieren. Und Menschen lieben es inspiriert zu werden und sind bereit dafür sogar tief in die Tasche zu greifen. 

Karim ist essenzieller Teil des Slow-Cooking-Erlebnisses. Es macht Spaß, ihm zuzuschauen. Er ist eine Inspiration, weil er etwas hat, das viele Menschen nicht haben und gerne hätten: Er liebt, was er tut. Und wie ist er dahin gekommen? Noch Mal: Alles fing mit Authentizität an.

Die Kraken-Affäre

Ein weiteres Beispiel ist Craig Foster aus der Netflix-Doku ›Mein Lehrer, der Krake‹. Craig verbringt ein Jahr mit einem Kraken, der in einer Bucht in der Nähe von Kapstadt haust. Ich habe im Jahr 2020 selbst zwei Monate in Kapstadt gelebt – der Ozean dort ist ein einziges großes Eisbad. Craig taucht ein Jahr lang täglich – ohne Neoprenanzug – in eisige Gewässer und fängt quasi eine Affäre mit einem Kraken an.

Kann man so etwas faken? Kaum. Das kann man nur durchziehen, wenn es authentisch ist. Es heißt, Kraken wären alienähnliche Kreaturen. Für mich ist Craig interessanter als der Krake. Wenn der Krake täglich ein Jahr lang zu Craig ins Wohnzimmer kommen würde und ihn den ganzen Tag über beobachten würde und dann abends wieder ins Meer hüpfen würde – dann würde mich die Krake interessieren. Nein, Craig ist der Krake, Craig ist das Alien, nicht der Krake ist der Star der Doku, sondern Craig. Was Craig macht, ist eine Hommage an die Kraft von Authentizität – und an die Anziehungskraft, die von Authentizität ausgeht.

Auch Craig hat sich nicht am konventionellen Geschäftsdenken orientiert, er hat sich bestimmt nicht gedacht: Die Welt hat noch keine Affäre zwischen Mensch und Krake gesehen – Marktlücke! Also werde ich ein Jahr lang ins eiskalte südafrikanische Wasser abtauchen und eine Affäre mit einer verflixten Krake anfangen. Ich werde solange Paparazzi spielen, bis ich genug Material zusammen bekomme, um eine Netflix-Doku zu drehen. Die kommt sicherlich gut an!

Nein. So was muss authentisch sein, sonst geht es nicht.

Fazit

Man sollte immer mit Authentizität anfangen. Es macht garantiert am meisten Spaß. Der Erfolg folgt dann von alleine. Craig hat den Oscar für Authentizität verdient. Oder zumindest ein Slow-Cooked-Essen im ›Zanooba‹ mit Karim.

 

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